Nachdem wir am Mittwochmorgen Richtung Moskau aufgebrochen waren und den Nachmittag bei einem Kunden verbracht hatten, war der Abend noch nicht allzu fortgeschritten und wir entschieden uns, ins Zentrum zu gehen, um dort unser Abendessen einzunehmen.
Moskau ist dem Verkehrsinfarkt nahe, soviel steht jedenfalls fest. Wir brauchten zB für die Strecke Shuya – Moskauungefähr 4 Stunden, was eine ganz gute Zeit ist. Der Fahrer, der mich aus St. Petersburg abholte, war in der Woche zuvor die gleiche Strecke gefahren. Nur brauchte er 9 Stunden, wovon er den Großteil im Raum Moskau verbrachte. Die für Verkehrsplaner düstere Seite des Wohlstands: Immer mehr Leute können sich ein Auto leisten – aber das System scheint jetzt schon heillos überlastet.
Beim Wandern durch die Straßen des inneren Moskau fällt eines sofort auf: Scharfe Kontraste, wohin das Auge blickt: Sündteure Modegeschäfte, flankiert von schwerem Mercedes-Gerät (was in Hinblick auf Motorisiertes eher noch die harmlosere Gattung darstellt) neben Sovietbauten, die aussehen, als hätte sich in 20 Jahren eigentlich nichts verändert. Die Stadt ist schnell, sehr schnell sogar. Und chic.
Moskau soll ja mittlerweile New York überholt haben. In welcher Disziplin? In der Disziplin des „Heimat-für-am-meisten-Milliardäre“ bietens, was rein optisch auch ohne Zweifel möglich scheint. Verschwenderischer Luxus überall, wohin das Auge auch blickt. Es gibt immer eine Ecke, die noch exklusiver scheint, immer eine Limousine mit noch dünkleren Scheiben und immer ein jemand, der noch mehr Bodyguards zu brauchen scheint. Die Unterscheidung ist schwer, welcher Teil hier authentisch und welcher artifiziell ist, die Grenzen verschwimmen.
Nachdem wir uns bei McDonalds ein Eis geholt hatten (Zitat Alexander: „Als sie Anfang der 90er diesen McDonald´s aufmachten, war die Schlange sogar länger als die bei Lenin.“) machten wir uns auf den Weg, um ein über den roten Platz zu spazieren. Auch um 2300 Uhr war der Platz voll von Menschen, flanierend, erzählend. Das Mausoleum von L. ist untertags wie bei Nacht wohl bewacht und das gegenüberliegende GUM strahlt, als ob es Weihnachtszeit wäre. Allein schon dieses Bild, GUM gegenüber von Lenin, lädt zum Nachdenken und irgendwie auch schmunzeln ein. Gleichzeitig macht ein solcher Kontrast in Verbindung mit der Geschichte des Platzes und des Kremls klar: Vieles, was wir über Russland aus unserer Anschauung heraus zu wissen glauben, scheint beim Erfahren eines solchen Ortes relativ – und macht bewusst, dass auch die Zeit von ´17 bis ´91 nur eine Episode in der russischen Geschichte war.
Nach all diesen Eindrücken der Stadt machten wir uns wieder auf den Weg zurück zum Hotel, welcher uns über fast die ganze Länge einer der Ringautobahnen führte, Urbanität zum Anfassen.
Am nächsten Morgen auf nach Nischni Novgorod. Als wir nach 5 Stunden Fahrt ankommen, bin ich zuerst ein wenig erstaunt: Die Stadt sieht aus, wie man sich in unseren Landen eine Stadt in der Sovietunion vorstellt: Fabriken, alte Hallen, Zweckbauten und ein Riesenplatz mit einer Leninstatue. Doch im Vorfeld hatten viele Russen von einer schönen, alten Stadt gesprochen, immerhin wohnen hier lt. Alexander ca. 1,7 Mio. Menschen. Doch dann überqueren wir eine beeindruckende Brücke und erklimmen mit dem Auto einen Hügel, auf dem das erste Gebäude, welches ins Auge sticht, eine riesenhafte Mauer ist, welche den Kreml von Nischni Novgorod umfasst. Nischni ist übrigens die „Autostadt“ Russlands, hier werden heute noch wie zu Sowjetzeiten Lada und Volga gebaut, auch wenn man in den Strassen viele Rechtslenker sieht, die von schlauen Russen direkt aus Japan importier worden sind. Im weit entfernten Osten Russlands beträgt der Anteil solcher Autos lt. Alexander mehr als die Hälfte.
Auf dem Hügel angekommen, offenbar sich eine vollkommen andere Stadt: Großzügige Fußgängerpassagen laden zum vorbeispazieren ein, nette Parks und Aussichtspunkte eröffnen den weiten Blick in die Ferne, welche sich völlig flach unter einem ausbreitet. Nach einem Kundenbesuch dann abends Abendessen in der Fußgängerzone, ausgezeichnet, obwohl ich zuerst rein optisch etwas „Angst“ hatte, in einem für mich zu hochpreisigem Lokal gelandet zu sein. Der Blick in die Karte aber entspannte und schlussendlich hatten wir beide zusammen eine Rechnung, deren Summe am Tag zuvor in Moskau nicht einmal die Rechnung von einem von uns begleichen hätte können (war aber ein sehr mittelmäßiges Lokal). Tja, Moskau ist eben kein billiges Pflaster.
Wir wunderten uns zuerst über das massive Polizeiaufgebot vor unserem Hotel, bis wir am nächsten Tag erfuhren, dass Putin in der Stadt war und eigentlich in unserem Hotel schlafen hätte sollen, was dann aber anscheinend doch nicht geschehen war. Vielleicht hätte ich ein wenig mit ihm quatschen sollen, er spricht ja bekanntermaßen fast akzentfrei Deutsch sehr gut Deutsch.
Nach einer heissen Dusche, etwas RTL 2 (inkl. Frauentausch) und einer Gesangseinlage eines Zimmernachbaren um 5 in der Früh machten wir uns auf den Rückweg nach Shuya, wo wir nach 3,5 Stunden und sehr schlechten interessanten Straßenverhältnissen auch sicher ankamen.
Tja, starte jetzt mal langsam ins Wochenende, mal sehen, was es bringt…
So long!
G
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Gibt’s von Deinem Trip dann eigentlich ein Unipress-Feature?
Gute Frage… Russland hatten wir eigentlich vor glaub ich zwei Ausgaben – schau ma mal.