Bin nach unserem Trip nach Moskau wieder sicher in Shuya angekommen. Leider bot sich wenig Gelegenheit, auch was von der Stadt zu sehen, da speziell für Alexander (den ich ja immer begleiten darf) viele Meetings auf dem Programm standen.
Aber auch wenn ich keine Zeit hatte, die Stadt genauer unter die Lupe zu nehmen, so habe ich doch wieder einiges über Russland gelernt: Bei einem GEspräch über deutsche Autos (eines der Lieblingsthemen der Russen, die ich bis jetzt getroffen habe) kam auch die Sprache auf mein Auto.
Da ich kein solches besitze, fragte mich eine Kollegin, mit was ich mich denn sonst so fortbewegen würde. Als ich als Antwort gab, dass ich dann meistens zu Fuß oder mit dem Rad meine Ziele erreichen würde, wurden die Augen der Kollegin groß. „Mit dem Rad..?“ fragte sie ungläubig und ich erinnerte mich an etwas, was mir Alexander während einer Autofahrt mal gesagt hatte, als ich ihn fragte, wieso eigentlich in Russland so wenige Leute mit dem Rad fahren würden.
„Es ist ok wenn du alt oder ganz jung bist – aber sonst fährt niemand mit dem Rad“ meinte er auf meine damalige Frage. Da ich damals nicht nachgehakt hatte, wurde es mir jetzt schlagartig bewusst: Das Fahrrad ist in Russland eine „Arme-Leute“ Fortbewegungsmöglichkeit und wer Rad fährt, gibt ein soziales Statement ab. Wohers kommts? Keine Ahnung, aber ich werd versuchen mehr zu erfahren…
Ein weiteres interessantes Gespräch hatte sich beim Abendessen am Tag zuvor entwickelt, als ich erzählte, dass ich vor meinem Abflug zuhause eine Statistik gelesen hätte, in der Berufe aufgelistet waren, in die die Bevölkerung besonderes Vertrauen schöpfe.
Auf den ersten Plätzen fanden sich Ärzte und Pfarrer, das Schlusslicht bildeten Politiker und Journalisten (!). Als ich sie fragte, was sie denn vom Gefühl her glauben würde, was das Ergebnis einer solchen Umfrage in Russland sein würde, waren meine Arbeitskollegen etwas ratlos. Ärzte jedenfalls nicht und Pfarrer schon gar nicht – soviel stand fest. Aber wer sonst? Die Russen konnten sich nicht einigen und befanden die Statistikfür eher sinnlos.
Ist sie sinnlos? Egal, wer nun genau an erster oder letzter Stelle steht, die Statistik und ihre Bewertung zeigten mir wieder, wie verschieden doch die Auffassung von Staat und Gesellschaft hier ist und wieviel Vertrauen wir eigentlich in die Politik oder eben bestimmte Berufe haben. Schlecht muss dies nicht immer sein, ein gewisses Grundvertrauen vereinfacht und beschleunigt vieles – es birgt natürlich aber auch die Gefahr einer gewissen Hörigkeit.
Oft frage ich mich, wie repräsentativ meine Beobachtungen hier sind – vieles ist schwer zu bewerten und noch schwerer zu verstehen, aber ich bleib dran.
So long,
G
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